
Die Geräteklasse der Multicender entwickelt sich in den letzten Jahren stürmisch – versprechen sie doch einen easy Aufstieg wie mit der Bruststeigklemme mit integrierter Abseilfunktion. Ursprünglich gemacht für Baumpflegeseile, gab es bislang kaum Multicender für Seile unter 11 mm – das TAZ LOV war die einzige Alternative. Mit dem Sulu Go kommt jetzt mehr als ein Herausforderer. In unserem Test lässt es das TAZ alt aussehen, nicht nur wegen dem Hammerpreis.
Immer das Gleiche auf geoclimbing Kursen: Teilnehmer sind vom Bruststeigklemmen-Seilaufstieg begeistert. Doch für’s Runterkommen müssen sie auf das Abseilgerät umbauen und tun sich schwer. Wäre das nicht toll, wenn es eine Bruststeigklemme gäbe mit Abseilfunktion, ganz ohne Umbau?
Gibt es. Schon länger. Multicender heißen die. Einer der ersten war das Petzl Zigzag, was jedoch nur am umlaufenden Baumpflegeseil sinnvoll funktioniert (dort aber so gut wie kein anderes). Dann kamen Rock Exotica Akimbo, Notch Roperunner und andere – um 500 Euro sündhaft teuer und nur für Baumpflegeseile. Das ISC Reflex revolutioniert aktuell Funktion und Preis, aber auch hier: nur für Seile ab 11 mm. Baumpfleger können also wählen.
Was aber sollen die tausende Seilkletterer tun mit ihren 10,5 mm Seilen und darunter? Einzige Möglichkeit war bislang das TAZ LOV, ein umstrittenes Auf-Abwärts-Gerät für erfahrene Anwender – und selbst bei diesen gab es Unfälle. Deshalb schaffte es das LOV trotz vielen Testmetern nie in unser Sortiment. Bei aktuell 260 Euro wird die Luft für viele Privatanwender auch ziemlich dünn.
Neue Ära – Multicender für alle
Genau in diese Lücke grätscht nun das Sulu Go, ein Multicender zum 170 Euro Volkspreis mit innovativen Features. In der EU gefertigt bei einem kleinen, engagierten italienischen Hersteller. Der Preis ist derart hot, dass man ganz neue Rechnungen anstellen kann: die Standard-Alternative normales Abseilgerät plus Bruststeigklemme ist nahezu immer teurer als das Sulu All-in-one-Gerät.
Ursprünglich ist das Sulu gedacht für Solo-Sportkletterer, die ohne Sicherungspartner klettern. Sie benötigen ein Gerät, das möglichst wenig behindert. Die Sulu-Wunschliste sieht also so aus:
- möglichst geringer Widerstand beim Aufstieg am Seil
- geringes Gewicht
- auch an 9 mm Seilen oder gar darunter funktionsfähig
- wie eine Bruststeigklemme: unmittelbarer Grip beim Reinsetzen mit möglichst wenig Spiel
- sicheres Abseilen ohne jeglichen Umbau
Das Sulu verspricht all das. Das wollten wir unbedingt testen und haben es in der Black Version aus 7075er T6 Aluminium und Titan (Grade 5) auf zahlreichen Seilmetern rangenommen: im klassischen Bruststeigklemmenaufstieg, im Treppenaufstieg, an diversen Seilen und -durchmessern, auf Kanten, in beengten Situationen und im Direktvergleich zum TAZ LOV.
Um es kurz zu machen: das Sulu hat das Zeug, eine neue Multicender Ära einzuläuten. Die herausragenden Features:
- kommt so nah an eine Bruststeigklemme wie kein anderer Multicender
- geringste Zugkraft aller Multicender beim Aufstieg
- mit 322 Gramm leichteste Gerät seiner Klasse
- innovativer Bremsnocken
- geringstes Kippen beim Reinsetzen
- sagenhafte Preis/Leistung
Das Ding trifft irgendwie einen Nerv. Als wir es beispielsweise dem bekannten T5 Geocacher „Kudinski“ zum Kurztest gaben, war er sofort begeistert. Jetzt klettert er mit dem Sulu. Und noch bevor es den Weg in unseren Shop fand, war die erste Charge schon verkauft.
Toller Wirkungsgrad
Wer das Sulu erstmalig in die Hand nimmt, muss sich eingrooven. Technische Optik und erste Bedienung benötigen Aufmerksamkeit: man muss zwei (redundante) Knöpfe zum Öffnen bedienen und das Gerät zusammendrücken, um den Seilkanal freizugeben. Auf jeden Fall sehr sicher.
Easy Einlegen: das Sulu ist schnell betriebsbereit
Der Rest geht easy – Seil in den offenen Kanal legen, schließen, mit dem Gurt verbinden, fertig. Nett: ein roter Smiley auf der Oberseite zeigt die richtige Orientierung – lächelt er dich an, hast du alles richtig gemacht (ein grüner Smiley wäre noch netter). Damit das Sulu (wie alle Multicender) optimal mitläuft, verbindet man es zusätzlich mit einem Multicendergurt oder Hosenträgergurt. Bruststeigklemmen-Kletterer kennen das schon: der Brustgurt hält die Klemme aufrecht in körpernaher Position. Beim Sulu gibt es dafür kein explizites Befestigungsloch wie bei anderen Multicendern, und man befestigt den Brustgurt entweder per Reepschnur direkt im Karabinerloch oder fädelt um den Smiley. Weil wir das praktisch finden, statten wir jedes bei uns gekaufte Sulu mit einer Reepschnur aus.
Das Sulu funktioniert mit nahezu jedem Brustgurt, sei es ein einfacher Hosenträgegurt, Multicender-Brustgurt, Lanyard oder was auch immer. Und man muss den Brustgurt nicht aushängen beim Abseilen – das Sulu kann ganz gewöhnlich wie eine Bruststeigklemme befestigt und dann vergessen werden. Auch mehr als praktisch: beim Seileinlegen muss das Sulu nicht vom Gurt genommen werden dank der pfiffigen Gehäusekonstruktion: einlegen, losklettern, fertig.
Ein paar Daten: das Sulu benötigt aufwärts die geringste von uns jemals gemessenen Kraft bei Multicendern. Gerade mal 4,5 Newton waren am 10,5er Ultimate Pro Seil nötig. Das kommt schon brutal nah an Bruststeigklemmen, wobei diese mit 2,5 Newton ungeschlagen bleiben und auch leichte Schräglagen – wie sie bei jedem Aufstieg vorkommen – verdauen, während Multicender (auch das Sulu) dann schnell mehr Zugkraft benötigen.
Zugkraft und Wirkungsgrad von Multicendern
| Typ | Gewicht | Zugkraft | Wirkungsgrad |
|---|---|---|---|
| Bruststeigklemme Chest up | 150 g | 2,5 N | 65 % |
| Sulu Go | 322 g | 4,5 N | 71 % |
| Sulu Go an 9 mm | 322 g | 3,9 N | 83 % |
| LOV2 | 369 g | 8,3 N | 44 % |
| LOV3 | 390 g | 5,5 N | 71 % |
| ISC Reflex | 565 g | 17,3 N | 33 % |
Verschiedene Geräte am Ultimate Pro II 10,5 mm Seil. Zugkraft (in Newton): so viel Kraft ist nötig, um das Gerät aufwärts zu bewegen. Setzt sich zusammen aus Eigengewicht plus Gleitwiderstand. Wirkungsgrad: gibt an, wieviel beim Aufstieg in Reibung verloren geht. Je höher der Wirkungsgrad, desto besser. Alle Werte von geoclimbing.de ermittelt.
Die Tabelle zeigt Zugkräfte und Wirkungsgrad am senkrechten 10,5er Ultimate Pro Seil. Die 4,5 Newton des Sulu entsprechen 450 Gramm Zuggewicht. Du musst also mindestens 450 Gramm Seil unter dem Gerät haben, damit es frei mitläuft – am 10,5er Seil entspricht das etwa 6 m Länge. Beim deutlich verbesserten LOV3 sind es etwa 7 m, beim LOV2 gut 10 Meter.
Wichtig: die Zugkraft ist ein grober Anhaltspunkt – in der Realität ist sie stark abhängig vom Seil, Wetter, Verschmutzung und Winkel beim Aufstieg. Während Bruststeigklemmen spätestens nach 3-4 Metern auch im nicht gespannten Seil gut mitlaufen, können alle Multicender hier nicht mithalten. Das TAZ LOV läuft in der Praxis selbst nach 15 Metern nicht ohne Seilspannung mit. Das Sulu war in unseren Tests deutlich besser, zumal es geringere Durchmesser verarbeiten kann. Am 9,5er Spelenium Aramid Seil etwa lief es schon nach 5-6 Metern im nicht gespannten Seil.
Grob kann man sagen: das Sulu läuft aufwärts zwar super mit, benötigt aber an Standardseilen im Aufstieg mit Bruststeigklemmentechnik entweder eine Seilbeschwerung (oder jemand hält das Seil) bzw. eine Fußsteigklemme die bei jedem Schritt das Seil spannt. Eine genial einfache justierbare Seilbeschwerung siehst du weiter unten.
Seilaufstieg: Sulu kann alle Techniken
Multicender sind eigentlich gemacht für den Treppenaufstieg. Den macht das Sulu extrem gut ab dem ersten Meter mit. Absolutes Highlight ist dabei das sehr geringe Kippen – das Sulu greift sofort beim Reinsetzen und fühlt sich beim Treppenaufstieg verdammt ähnlich an wie eine Bruststeigklemme. Der Nachteil des Treppenaufstiegs liegt im Materialbedarf: Kniesteigklemme und Fußsteigklemme sind nötig, und die Technik muss man beherrschen. Für Baumpfleger ist das kein Problem, weshalb das Sulu für Quick’n dirty Aufstiege auch für sie interessant ist: separates 10,5 mm Aufstiegsseil mit dem Sulu, oben Umbau auf umlaufendes Baumpflegeseil mit dem Zigzag. So hat man stets ein separates Abstiegs-/Rettungsseil.
Treppenaufstieg: das Sulu läuft wie geschmiert.
Selbstverständlich ist der Treppenaufstieg auch für Geocacher interessant, erfordert aber o.g. Materialeinsatz. Deshalb ist die Bruststeigklemmentechnik dort viel weiter verbreitet: keine Fuß- und Kniesteigklemme nötig, einfach nur das Sulu anstatt Bruststeigklemme. Und hier spielt es seine Stärken aus: da es nur knapp 4 cm kippt (TAZ LOV: 9 cm), fühlt es sich beim Reinsetzen – siehe oben – enorm bruststeigklemmig an. Der Traum funktioniert: Aufsteigen wie mit einer Bruststeigklemme, Abseilen ohne Umbau!
Kippt viel weniger: das Sulu fühlt sich beim Aufstieg fast wie eine Bruststeigklemme an. Setzt man sich zum Ausruhen hinein, kippt es nur etwa 4 cm, was beim TAZ LOV oft zu Kritik führte. Dort sind es spürbare 9 cm.
Bruststeigklemmenaufstieg mit dem Sulu: extrem geringes Kippen. Keine Fuß- oder Kniesteigklemme nötig.
Einen Haken hat die Sache: da beim Bruststeigklemmenaufstieg eine Fußsteigklemme oft fehlt (die das Seil bei jedem Schritt spannt), sollte auch beim Sulu das Seil am Boden festgehalten oder beschwert werden. Für letzteres verwenden wir gerne den ohnehin am Baum stehenden Seileimer zusammen mit einer Einhand-Seilklemme wie die Kong Duck oder die Beal Tract Up, mit der die Justierung easy mit einer Hand geht und vor allem nachjustiert werden kann, wenn man im Seil hängt.
Seil beschweren ganz easy, wenn der Kletterpartner nicht festhalten will: Seileimer ans Seil hängen. Das Sulu läuft dann ab dem ersten Meter mit. Die Seilklemme ist einhändig in beide Richtungen justierbar, auch wenn man im Seil hängt.
Selbstverständlich kann das Sulu auch ganz konventionell betrieben werden per Geräteaufstieg und Seilumlenkung an der Handsteigklemme – für diese Technik gibt es allerdings eine ganze Menge andere Standard-Abseilgeräte. Das Sulu hat beim Geräteaufstieg zwar einen guten Wirkungsgrad, kann da aber abgesehen vom geringen Gewicht seine Stärken wenig ausspielen, da die bei dieser Technik nicht nötig sind. Immerhin kann man jederzeit auf diese Technik umschalten.
Abseilen: wer spät kommt, lebt länger
Bei Abseilgeräten ist das Abseilen meist unspektakulär: Bremshand ans Seil, Hebel ziehen, los geht’s. Einzige Gefahr ist eine zu schnelle Gangart, und manche Geräte lassen sich besser als andere dosieren. Ungeschlagener König ist hier das ISC A-B, das man mit einem Finger steuern kann.
In der Multicender Klasse ist ungewolltes zu schnelles Abseilen ein häufiges Thema: wer reibungslos hoch möchte, kommt meist auch schnell runter. Das TAZ LOV etwa gehört zu den ultraflotten Multicendern, was daran liegt, dass der Abseilhebel schon in senkrechter Stellung Seil freigibt. Wer dann zu weit zieht, geht konstruktionsbedingt in den freien Fall über – es gab schon Unfälle.
Das Sulu ist beim Abseilen dagegen sehr gutmütig: der Hebel spricht erst in Horizontalstellung an und Abseilen ist sehr kontrolliert und weich. Das liegt am innovativen Bremsnocken, denn der drückt über einen Hebelmechanismus gleichmäßig auf voller Länge von 7 Zentimetern auf das Seil. Seilschonender geht es nicht, und das Sulu hat mit Abstand die größte Bremsfläche aller uns bekannten Abseilgeräte.
Der Bremsnocken drückt über einen Hebelmechanismus auf 7 cm Länge gleichmäßig auf das Seil. Seilschonender geht es nicht.
Das ist auch der Grund, warum das Sulu mit wahnwitzigen Seildurchmessern klar kommt: der Bremsnocken drückt stets gleichmäßig auf das Seil. Beim Abseilen darf man sich an die Gutmütigkeit zu Beginn gewöhnen, und man muss schon sehr am Hebel ziehen für hohe Geschwindigkeiten. Hier sind dünnere Seildurchmesser von 9-10 mm etwas flotter, und bei 11 mm Seilen ist das Sulu schon fast zu gutmütig.
Im Vergleich zum LOV fühlt sich das Abseilen erheblich kontrollierter an. A propos Kontrolle: Wir haben das Sulu auch am hart gespannten Senkrecht- und Schrägseil ausprobiert. Im ersten Fall – etwa bei der Rettung einer Person am gleichen Seil – funktioniert das anständig, und am gespannten Schrägseil konnte man sich zwar mit viel Mühe, aber immerhin kontrolliert ablassen. In dieser Disziplin rutscht ja bekanntermaßen das LOV gerne unkontrolliert durch.
Astreine Qualität
Bei dem Hammerpreis wollen wir die sehr gute Qualität erwähnen: alles ist sehr sauber verarbeitet, die gewählten Materialien sind bei der Black Version sogar einzigartig – wir kennen kein Abseilgerät mit tragenden Teilen aus Titan! Auch der Hebel – das einzige Plastikteil – wirkt solide, fest und verwindungssteif. Die Seitenwangen sind aus 4 mm dickem 7075er T6 Aluminium – da kann sich Petzl eine Scheibe von abschneiden. Während unseres Testzeitraums hatten wir schlicht gar nichts zu bemängeln und das Sulu lief stets einwandfrei.
Wenige Nachteile
Gibt es überhaupt Nachteile? Man muss sie schon suchen: die ausgefeilte Mechanik etwa würden wir ungern in dreckigen Umgebungen einsetzen. Hier ist sicherlich häufigere Reinigung angesagt. Das Sulu finden wir auch zunächst ein wenig intuitives Gerät, da die Konstruktion abweicht von den meisten anderen. Man muss sich mit Öffnungsmechanismus, Seileinlegen, Orientierung und Funktion beschäftigen. Zum Glück gibt sich das schnell.
Auch haben wir noch zu wenig Erfahrungswerte bezüglich Abnutzung. Amerikanische Anwender sind mit dem Sulu auch nach professioneller Hardcore-Nutzung zufrieden und stellen keinen unüblichen Verschleiß fest. Auf jeden Fall läuft das Sulu aufwärts nach einigen hundert Seilmetern spürbar leichter mit.
Bei Industriekletterern erfreut sich das LOV3 als mitlaufendes Sicherungsgerät – das Sulu hat dafür keine Zulassung. Auch müssen wir an dieser Stelle betonen, dass Bruststeigklemmen nach wie vor ungeschlagen sind in Sachen Aufstiegsleichtigkeit und Grip. Multicender sind immer einen Kompromiss, allerdings kommt das Sulu so nah dran wie noch kein von uns getestetes Gerät.
Das Sulu wurde in den USA übrigens einem Belastungstest unterzogen: das Gerät hielt an einem 6 mm (!) Seil noch immer unglaubliche 6 kN, bevor es langsam durchrutschte. 6 kN (600 Kilo) ist auch der Wert, bei dem nahezu alle Abseilgeräte aus Sicherheitsgründen nachgeben, allerdings an deutlich dickeren Seilen. Auch das Sulu macht das an dickeren Durchmessern. Bei erzwungenen Lasten von 12 kN gab es am Sulu erste Schäden, das Seil wurde aber noch sicher gehalten. Völlig zerstört wurde es erst bei 24 kN – das sind Werte weit jenseits der EN Norm und Realität.
Fazit
Das Sulu Go ist für uns der neue Volks-Multicender: mit knapp 170 Euro liegt es unglaubliche 90 Euro unter der Konkurrenz und kann trotzdem fast alles besser: es läuft leichter, wiegt weniger, kippt kaum beim Reinsetzen. Verarbeitung und Materialien sind top, die Universalität im Kletteralltag beeindruckend. Nicht umsonst hat sich der Hersteller die Konstruktion patentieren lassen. Das Sulu kann man tatsächlich wie eine Bruststeigklemme montieren und verwenden. Es beherrscht alle Aufstiegstechniken ohne jeglichen Umbau. Je dünner die Seile, desto performanter wurde das Sulu. Wir fanden den Sweetspot bei 9 bis 10,5 mm. Kurz: das Sulu machte uns richtig Spaß!
In geoclimbing Shop findest du es derzeit exklusiv in Deutschland. Im Preis bereits enthalten ist der Versand und eine kostenlose Lasergravur. Außerdem legen wir eine passende Reepschnur bei als Verbindung zum Brustgurt.


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