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Vergleichstest: welches Gerät läuft am besten?

Nov 19, 2022 | test, Tipps, Tests, Produkte | 0 Kommentare

Vergleichstest Geräteaufstieg: welches Gerät läuft am besten?

Für den Aufstieg am Seil gibt es zahlreiche Techniken. Am meisten verbreitet ist noch immer der Geräteaufstieg: zusammen mit Handsteigklemme, Seilumlenkung und Abseilgerät geht es hoch. Für viele Kletterer ist aber das Seilanziehen mühsam. Woran liegt das?  Würde es mit einem anderen Gerät fluffiger gehen? Ein Vergleichstest.

Manche Seilkletterer tun sich beim Geräteaufstieg enorm schwer: sie zerren mit allen Kräften am umgelenkten Seil, trotzdem geht wenig voran. Der Aufstieg wird zur Tortur. Zwar gibt es dafür viele Gründe (siehe weiter unten), viele fragen sich aber: Würde es mit einem anderen Gerät leichter gehen?

Tatsächlich stellen auf unseren Kursen die Teilnehmer immer wieder Unterschiede fest, können sie doch Dutzende Geräte direkt vergleichen. Welche Geräte laufen beim Aufstieg also besonders gut?

Für unseren Test haben wir die beliebtesten Geräte gleich dreifach ausprobiert:

  • zunächst wollten wir wissen, welches Gerät den besten Wirkungsgrad hat. Dazu wurden die Geräte ohne Seilumlenkung getestet
  • dann testeten wir alle Geräte mit klassischer Umlenkung an der Handsteigklemme per Karabiner
  • schließlich testeten wir, was Umlenk-/Seilrollen bringen
  • getestet wurde in allen Fällen mit einem Zugkraft-Meßgerät. Jeder Versuch wurde 5 mal durchgeführt und der Mittelwert errechnet

Die Testkandidaten.

Wie viel Gummi kommt auf die Straße?

Für jedes Gerät wurden mindestens 15 Wirkungsgrad-Werte ermittelt. Der Wirkungsgrad gibt an, wie viel Prozent der aufgewendeten Kraft ich beim Aufstieg tatsächlich nutzen kann, sozusagen in “Hub” umgesetzt werden. Den Rest schluckt das Gerät. Einen Wirkungsgrad von 100 Prozent hätte ein Gerät ohne jede Reibung – ein rein theoretischer Wert. Selbst superleicht laufende Kugellagerrollen haben einen Wirkungsgrad von “nur” ca. 93 Prozent. Einige Hersteller wie Petzl geben diesen Wert standardmäßig auf ihren Rollen an.

Je höher der Wirkungsgrad, desto leichter läuft das Gerät aufwärts und desto weniger Mühe hat der Kletterer. Der Wirkungsgrad ist von vielen weiteren Faktoren abhängig, etwa der Geräte-Konstruktion, der Größe des Bremsnockens, aber auch Seilart, Seilzustand und -durchmesser. Sogar die Seilfeuchte spielt eine Rolle.

Wir haben daher den Test unter gleichen Bedingungen durchgeführt: gleiche Temperatur und Luftfeuchtigkeit, gleiches Seil (10,5 mm Ultimate Pro), gleiches Gewicht, gleiche Zuggeschwindigkeit, Befestigung und Seillänge.

Wirkungsgrad von Geräten beim Seilaufstieg

Getestet mit Zugkraft-Meßgerät, geoclimbing Ultimate pro Seil 10,5 mm, 22 °C, 55 % r.F. Mittelwert aus 5 Zugversuchen, 0,3 m/s. Rolle: Petzl Rollclip. Megawatt ohne Testwert für Karabiner-Umlenkung.

Ergebnisse

Die Ergebnisse decken sich mit den Praxiserfahrungen:

  • Flotte Lotte: das Edelrid Eddy (baugleich: Bornack Lory) hat durchgängig den höchsten Wirkungsgrad. Es läuft aufwärts also am besten von allen Geräten. Ursache ist vermutlich die direktere Seilführung im Gerät, denn auch das Edelrid Megawatt mit ähnlicher Seilführung konnte sehr gute Werte erzielen
  • am meisten Kraft aufwenden muss man bei Kong Pirata und Camp Druid pro. Ersteres hat zwei übereinander angeordnete Bremsnocken, das Druid pro hat eine sehr enge Seilführung. Beides führt zu Reibungsverlusten
  • Unterschiede spürbar: obwohl nicht mehr als 10 Prozent Differenz, ist das in der Kletterpraxis deutlich spürbar. Wer sowieso schon kämpft beim Aufstieg, sollte ein Gerät mit hohem Wirkungsgrad wählen
  • die Rolle ist der Turbo: die mit Abstand größte Erleichterung bringt der Einsatz einer Rolle an der Handsteigklemme. Mit einem Schlag erreicht man fast 20 Prozent mehr Wirkungsgrad gegenüber einem Umlenkkarabiner! Im Test hatten wir diverse Rollen ausprobiert, die Tabelle zeigt die Werte mit dem beliebten Rollclip
  • Tipp: Wer das Letzte rausholen möchte, sollte Kugellager-Rollen wie die Tethys pro einsetzen: damit konnte der Wirkunsgrad zum Rollclip nochmals um bis zu 5 % verbessert werden
  • dünnere Seile bringen weniger als gedacht: wir sind probeweise vom 10,5er auf ein 9,5er Testseil umgestiegen. Die Verbesserungen lagen unter 2 %. Wer allerdings gleich um 2 Millimeter dünner wird, etwa mit einem Grigri von 11 auf 9 mm umsteigt, der wird das definitiv merken. Auf Kompatibilität achten – nur wenige Geräte eignen sich für Seile unter 10 mm!

Im Test brachte der Einsatz einer Rolle erhebliche Verbesserngen. Da die Seilführung im Eddy (oben) anders verläuft und der Nocken kleiner ist, ist der Wirkungsgrad gegenüber dem ID mit großem Nocken spürbare 6 Prozent besser

Praxistipps

Dieser Test beleuchtet den Geräteeinfluss beim Aufstieg. In der Praxis gibt es jede Menge weitere Faktoren wie Seilart, Seildurchmesser, Wetter, Aufstiegstechnik, Verschmutzung, Abnutzung und Alter des Seils u.v.m.

  • Den besten Aufstieg hast du mit einem neuen Seil mit hohen Gleiteigenschaften wie Ultimate Pro, einem Seildurchmesser nicht über 10,5 mm und trockenem Wetter
  • Technik: viele stehen beim Geräteaufstieg zuerst in die Fußschlaufe und ziehen dann das Seil durch die Umlenkung. So bildet sich eine Hohlschlaufe am Seil, das Nachziehen nervt. Besser: früher anziehen, schon beim Belasten der Fußschlinge, sowie die Hüfte mehr nach oben drücken
  • Rolle einsetzen: bringt richtig was. Dabei sind größere Rollen leicht im Vorteil. Auch Kugellager bringt was, ist leider teuer
  • integrierte Rollen sind praktisch: Kombirollen wie Petzl Rollclip, Edelrid Axiom oder die eingebaute Rolle in der Quick Roll Handsteigklemme sind besser zu bedienen und gehen weniger/gar nicht verloren. Einzelrollen als Seilumlenkung (an separatem Karabiner montiert) fallen gerne runter
  • ans Abseilen denken: Geräte mit großen Bremsnocken wie Petzl ID haben zwangsweise mehr Reibung, sind abwärts aber oft gut zu dosieren. Das abwärts am besten dosierbare Abseilgerät ist nach unserer Erfahrung das ISC A-B
  • stehen Teile heraus? Bei Geräten wie Petzl ID, Petzl Rig, ISC A-B bewegen sich die Abseilhebel beim Aufstieg. Das ist zwar nicht gefährlich, kann aber stören. Hier sind kompakte Geräte im Vorteil wie die Grigris, Sparrow, Eddy und Megawatt, auch das Druid
  • Ordnung bringt viel: Handsteigklemme, Maillons, Fußschlinge und Umlenkung sollten möglichst wenig aneinander reiben. Richtige Sortierung am Boden und schlanke Setups mit wenig Ösen bringen etwas!

Immer schön ordentlich: wer schon am Boden sauber aufbaut, hat weniger Mühe beim Aufstieg

Fazit

Der Vergleichstest Geräteaufstieg hat gezeigt: Grundsätzlich gehen in einem Abseilgerät beim Seilaufstieg mindestens 40 Prozent Reibungsenergie verloren. Mit Seilumlenkung liegt der Verlust bei über 50 %.

Die besten Wirkungsgrade in unserem Test haben die beiden Edelrid Geräte Eddy (baugleich mit Bornack Lory) und Megawatt sowie das ISC A-B, dicht gefolgt von den Petzl Grigris. Wer grundsätzlich große Mühe hat beim Aufstieg, kann mit diesen Geräten auf jeden Fall eine Verbesserung erzielen.

Die beste Erleichterung ohne Geräte-Neukauf bringt der Einsatz einer Umlenkrolle. Hier sind fast 20 Prozent Effizienzsteigerung drin.

Wer trotz allem Probleme hat beim Aufstieg, darf mit anderen Techniken liebäugeln. So ist der Bruststeigklemmen-Aufstieg deutlich effizienter. Diese Technik inklusive Zwischensicherung und Umbau ins Abseilgerät lernst schon du auf dem Grundkurs.

 

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