Wann reißt ein Seil an einer scharfen Kante?

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Eine heikle Frage. Denn ob dein Seil beschädigt wird, hängt nicht nur von der Kantenschärfe ab, sondern auch von deiner Sturzenergie und vor allem von der Bewegung des Seils auf der Kante.

Das sagt die Sicherheitsforschung
Scharfkantenrisse sind in der Praxis extrem selten. Die DAV Sicherheitsforschung kennt nur etwa ein Dutzend über 20 Jahre und abermillionen Einsätzen.
In der Sicherheitsforschung hat die scharfe Kante einen Radius von 0,75mm. Das entspricht in etwa der Kante auf der Oberseite eines Haustür-Schlüssels. Man hat damit zahlreiche Scharfkantentests durchgeführt, und vor Jahren wollte man eine EN Norm schaffen. Auch die UIAA hat eine solche Norm sogar eingeführt (UIAA 108), jedoch wieder ausgesetzt. Das Problem: selbst unter standardisierten Laborbedingungen riss das gleiche Seil völlig unterschiedlich. Derzeit kommt man zu dem Schluss, dass ein allgemein gültiger Scharfkantentest kaum realisierbar ist. Wenn Seilhersteller “scharfkantengeprüft” zu ihrem Seil schreiben, dann hat das also wenig zu bedeuten.
Beim UIAA Scharfkantentest stürzt ein 80kg Gewicht über 4,7m (mit Sturzfaktor 2) freier Fall auf die scharfe Kante. Der Test galt als bestanden, wenn wenigstens ein Sturz hält. 

Dicke zählt
Wie gut ein Seil einer scharfen Kante widersteht, nennen die Seilhersteller “Kantenarbeitsvermögen”. Je dicker ein Seil, desto höher dieser Wert, wobei ein 11mm Seil doppelt so hohes Kantenarbeitsvermögen besitzt wie ein 9mm Seil. 

Bewegung auf der Kante extrem wichtig
In allen Fällen entscheidend ist die Sturzlast kombiniert mit der Seilbewegung an der scharfen Kante: bei einem Pendelsturz ist hohe Last auf dem Seil und es bewegt sich HORIZONTAL auf der Kante, was einer Schneidbewegung gleichkommt. Dies ist äußerst gefährlich. Zum Glück gibt es diese Kombination beim Seilklettern weit seltener als beim Sport-/Alpinklettern.

Wo scharfe Kanten auftreten
Scharfe Kanten treten beim Seilklettern vor allem auf an Brücken (z.B. scharfe Betongrate), an Steintürmen (Abseilen über die Kante), in Schiefer-Steinbrüchen und im Lostplace Bereich (Metallkonstruktionen). In Bäumen und an Holz sind scharfe Kanten nahezu ausgeschlossen.
In allen Fällen empfehlen wir dringend einen Seilschoner. Wie du einen Seilschoner positionierst, auch auf nicht erreichbaren Kanten, lernst du auf dem Advancedkurs.