230 Artikel: das komplette Seilkletter-Wissen

Mitlaufende Sicherungsgeräte bzw. Auffanggeräte sind Absturzsicherungen, die der Industriekletterer an einem zweiten Sicherungsseil befestigt. Er klettert also an seinem Hauptseil und am zweiten Sicherungsseil ist das mitlaufende Gerät zusätzlich montiert. Würde er mit einem Werkzeug versehentlich sein Hauptseil durchtrennen, stürzte er in das zweite Seil mit dem Sicherungsgerät.

Mitlaufende Sicherungsgeräte sind also so etwas wie eine Lebensversicherung. Sie folgen meist den Kletterbewegungen auf- wie abwärts und können an jeder Stelle des Sicherungsseils “geparkt” werden. Erst bei (sehr) schnellen Abwärtsbewegungen blockieren sie. Es gibt zwei Grundkonstruktionen:

  • Selbstblockierende Sicherungsgeräte: Im Sturzfall blockieren sie sofort ohne jeden Bremsweg. Vorteil: bei Aktivitäten knapp über Hindernissen/dem Boden mit “wenig Luft nach unten” greifen sie vor dem Aufprall, und die Sturzhöhe/-energie ist gering. Nachteil: selbstblockierende Geräte können den Seilmantel schädigen und sogar aufreißen. Dies gilt insbesondere für Stürze über Sturzfaktor 1 (mehr zum Sturzfaktor hier). Deshalb benötigen sie einen zusätzlichen Bandfalldämpfer zwischen Gerät und Gurt, was den Gesamtpreis meist über 200 Euro treibt. Das bekannteste Gerät ist das Petzl ASAP
  • Selbstbremsende Sicherungsgeräte: Im Sturzfall blockieren diese und rutschen dann bei schweren Stürzen kontrolliert nach. Dabei darf der Bremsweg nicht länger sein als 1 m. Vorteil: das Seil wird geschont und der Anwender braucht keinen Falldämpfer zum Gurt. Nachteil: bei geringen Fallhöhen kann der Bremsweg zu lang sein. Bekannte Geräte sind z.B. ISC Rocker, Singing Rock Locker, Kong Back-up. Auch das Petzl Shunt sieht man bei Industriekletterern immer wieder, obwohl nicht dafür konstruiert/zugelassen (und schwergängiger)
  • Alle mitlaufenden Sicherungsgeräte blockieren unter Last vollständig und können dann nicht entriegelt werden. Man kann mit ihnen also nicht abseilen, und wenn man drin hängt, muss man wissen, wie man sich (durch Aufstieg am Seil) wieder befreit
  • Viele mitlaufende Sicherungsgeräte sind zertifiziert für Seile erst ab 11 mm – für Geocacher und Sport-Seilkletterer nachteilhaft, da dort dünnere Seile eingesetzt werden. Das Kong Back-up ist eine der wenigen Ausnahmen
  • Hauptunterschiede in der Praxis sind die Qualität der Auf- und Abwärtsbewegung und Einhand-Bedienbarkeit. Viele preiswerte Auffanggeräte sind zu “labberig”  oder klemmen zu schnell bzw. sind mit einer Hand schlecht zu parken. Andere Geräte wie das Petzl Asap laufen sehr sicher abwärts mit, sind manchen Anwendern aber zu langsam. Deshalb wird manchmal beim Abseilen für die bessere Abwärts-Kontrolle unerlaubterweise der Arm auf die Verbindung zum Gerät gelegt, was im Sturzfall sehr gefährlich ist
  • mitlaufende Sicherungsgeräte werden in der Regel vorne am Gurt befestigt (bei Vollgurten am oberen der vorderen Anschlagpunkte). Vorteil: nach einem Sturz kann der Kletterer sich selbst befreien. Nachteil: das Sicherungsgedöns baumelt vor der Nase. Rückwärtige Befestigungen findet man nur in speziellen Industrie-Anwendungen (z.B. Dachmontage) – der Kletterer muss hier nach einem Sturz immer von Dritten befreit werden
  • Bruststeigklemmen sind kein Ersatz für mitlaufende Sicherungsgeräte! Diesen Hack findet man zuweilen bei Sportkletterern, da Bruststeigklemmen leichter und preiswerter sind und am Seil aufwärts sehr gut mitlaufen. Sie öffnen sich aber (versehentlich) viel zu leicht und sind nicht für Stürze konzipiert. Auch laufen sie abwärts überhaupt nicht mit

Mitlaufende Sicherungsgeräte funktionieren zuverlässig

In manchen Medien (Youtube), wird behauptet, manche mitlaufende Sicherungsgeräte würden nicht blockieren. Das ist falsch, denn ansonsten dürften sie nicht auf dem Markt sein. Bei solchen “Fehlfunktionen” handelt es sich meist um Setup-Fehler: zu geringe Fallgeschwindigkeit/Zuglast, falsche Karabiner, falsche Verbindung, falsche Einbindepunkte und Führung, zu dünne, nicht geeignete oder gespannte Seile etc.

  • mitlaufende Sicherungsgeräte blockieren ab einer (Zug-)Last von 5 kg
  • mitlaufende Sicherungsgeräte müssen bereits einen Sturz (freier Fall) von 30 cm sicher auffangen und dämpfen
  • für die korrekte Funktion müssen unbedingt die Herstellerangaben eingehalten werden, etwa richtiger Karabiner und/oder die Länge der Verbindung zum Gurt. Bei letzterer empfehlen wir grundsätzlich kurze Verbindungen um 30 cm. Sie sind sicherer und besser zu handhaben

Neben Standard-Einsätzen bei Industriekletterern findet man mitlaufende Sicherungsgeräte manchmal bei Solo-Sportkletterern, Geocachern (an T 4,5 Caches) und im LP Bereich, wo sie situativ Sinn machen. Insgesamt aber trifft man diese Geräte im Freizeitbereich eher selten an, die Gründe findest du hier.