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Erster Test: Edelrid Megawatt

Okt 12, 2022 | Tipps, Tests, Produkte | 3 Kommentare

Das neue Edelrid Megawatt verspricht hohen Abseilkomfort

Fünf Jahre hat Edelrid an seinem ersten “großen” Abseilgerät getüftelt. Herausgekommen ist das brandneue Megawatt – man wollte nicht einfach nur ein neues Gerät bringen, sondern echte Innovation. Wir hatten das im Frühjahr 2023 erscheinende Abseilgerät bereits zum Test am Seil. Hält Edelrid das Versprechen?

Was kann man an einem Abseilgerät noch groß verbessern? Es gibt doch schon Dutzende, und gar nicht so schlechte. Edelrid stellte sich bei der ersten Komplett-Eigenentwicklung genau diese Frage. Was nervt Anwender beim Abseilen? Schnell wurde den Entwicklern klar: es ist der Hebel.

Bei einigen Abseilgeräten muss man den Hebel ewig weit drehen, bis überhapt etwas passiert. Bei den meisten ist der “sweet spot”, also der eigentliche Abseilbereich, ziemlich klein und man benötigt Fingerspitzengefühl. Und bei Dritten erreicht man zu schnell die Panikbremse.

Edelrid fokussierte sich also auf den Hebel, und der ist die eigentliche Innovation. Auf den ersten Blick (und beim ersten Anfassen) ist der schon fast unverschämt kurz – wie soll man da noch anständig dosieren können? Das Geheimnis liegt im Innern: Edelrid hat als wohl erster Hersteller ein Getriebe eingebaut. Während bei anderen Geräten der Abseilhebel direkt am Bremsnocken ansetzt, wurde dem Megawatt eine Übersetzung spendiert. Die ist unsichtbar und wartungsfrei ins Gehäuse integriert und führt dazu, dass der Bremsnocken wesentlich feinfühliger angesteuert werden kann.

Kleiner Hebel, große Wirkung

Klein, aber oho: der breite Abseilhebel hat ein integriertes Getriebe für extrem weiten Sweet spot.

Der Effekt ist überzeugend. Das Megawatt hat einen enorm breitbandigen “Sweet spot” von 22 cm Hebelweg und überflügelt damit jedes andere Gerät um mindestens das Doppelte. Das Praxisversprechen lautet also: sehr feine Dosierbarkeit bei kompaktem Hebel. Die Dosierbarkeit soll so gut sein, dass man den Hebel auch per Daumendruck bedienen kann.

Der Hebel wird übrigens aus zwei Komponenten gefertigt, die schwarzen Gummieinlagen sind sehr griffig. Auch die Breite trägt zum guten Grip bei.

Enorme Bandbreite

Eine weitere Auffälligkeit des Megawatt ist die enorme Bandbreite an verwendbaren Seildurchmessern. Die reicht von 8,9 bis 11,8 mm. Wir kennen kein anderes Gerät mit einer solchen Spanne! In der Praxis muss man also nicht gleich das Gerät wechseln, wenn man mal an dünneren Durchmessern von Ultraleichtseilen oder an schlanken Baumpflegeseilen klettert.

Praxistest

Beim ersten In-die-Hand-nehmen dachten wir: wasn fetter Hebel! Der ist zwar kurz, dafür aber enorm breit und ziemlich griffig. Das ganze Gerät ist trotzdem sehr kompakt – nur unwesentlich größer als das Eddy aus gleichem Haus. Mit 500 Gramm (gemessen) liegt das Megawatt 100 Gramm unter dem Petzl ID und 50 Gramm unter dem CT Sparrow. Es ist aber 90 Gramm schwerer als das Petzl Rig und bringt auch 40 Gramm mehr auf die Waage als das ISC A-B.

Sehr gut: das Befestigungsloch für den Karabiner ist so groß, dass dieser durchgedreht werden kann. Außerdem kann das Gerät geöffnet werden ohne Abnehmen vom Gurt. Geöffnet wird über einen Zweistufen-Knopf: einmal gedrückt, öffnet die Seitenplatte bis zu einer Sicherheitsnase, und erst beim zweiten Drücken geht das Gerät ganz auf. Wer also das Megawatt aus Versehen nicht ganz zudrückt, dem schwingt nicht gleich die Seitenplatte auf. In der Halboffen-Stellung wird auch über eine rote Farbmarkierung gewarnt.

Das Edelrid Megawatt kann geöffnet, ohne vom Gurt genommen zu werden

Innenleben: Das Seil wird konventionell eingelegt, das Megawatt muss dazu nicht vom Gurt genommen werden. Zum Öffnen bedient man einen Knopf mit Zweistufen-Sicherheitskonzept und roter Offen-Markierung. Der Karabiner kann mitsamt Verschluss durch das Befestigungsloch gedreht werden.

Das Seileinlegen geht intuitiv wie bei anderen Geräten. Auffällig sind die zusätzlichen Edelstahlelemente am Seilein- und Ausgang. Das Megawatt macht haptisch einen sehr robusten Eindruck, da klimpert nichts. Wer möchte, kann es für stationäre Seilbetriebe/in Seilsystemen sogar verschrauben gegen unbeabsichtigtes Öffnen.

Aufstieg

Wir haben das Gerät an einem 11 mm Edelrid Static Low Stretch mit PES Mantel getestet per klassischer Aufstiegsmethode: Handsteigklemmenumlenkung per Rolle. Das Static Low stretch ist eher ein flottes Seil mit gutem Durchgang – beim Aufstieg lief es nach unserem Dafürhalten eher mittelfluffig über den Bremsnocken. Wir würden den Wirkungsgrad subjektiv ähnlich dem Petzl Rig einschätzen und etwas besser als Petzl ID und CT Sparrow. ISC A-B und Edelrid Eddy laufen gefühlt etwas besser.

Wer allerdings ein 10,5er Seil oder gar darunter einsetzt, bei dem dürfte der Aufstieg weich und problemfrei laufen, getreu dem Motto: je dünner das Seil, desto problemloser der Aufstieg.

Update 20.10.22: mittlerweile haben wir 10,5er und 9,5er Seildurchmesser getestet. An beiden Durchmessern läuft das Megawatt spürbar flüssiger als am 11er Seil. Der Wirkungsgrad am Ultimate Pro Seil liegt mit 61 % in der Top-Gruppe (Petzl ID: 56%). Je höher der Wirkungsgrad, desto geringer die Reibung im Gerät und leichter der Aufstieg. Vollständigen Labormessungen/Ergebnisse veröffentlichen wir hier in den nächsten Wochen.

Abseilen

Das Abseilen ist das eigentliche Wunder des Megawatt. Du greifst an den Hebel und denkst zuerst – huch, der ist aber kurz! Trotzdem kann man die Abseilfahrt butterweich steuern durch den enorm großzügigen Sweet spot. Auch die Breite des Hebels ist dabei praktisch. Aufgefallen ist uns auch der Soft Start: während man bei anderen Geräten erst einmal zerren muss, bis überhaupt etwas passiert, spielt Edelrid die Getriebeübersetzung aus, und man kann müheloser und weicher in die Abwärtsfahrt gehen.

Durch das Getriebe kann der Hebel auch per Daumendruck bedient werden (links) oder im konventionellen Abseilmodus (rechts).

Das Abseilen lässt sich so gut dosieren, dass Edelrid noch einen andere Handhaltung vorsieht – von innen gegen den Hebel drücken per Daumen. Tatsächlich funktioniert auch das ziemlich gut.

Lässt man den Hebel los, klappt dieser automatisch in die Zu-Stellung an die Gehäuseseite und ist aus dem Weg.

Bis zum Eingreifen der Panikbremse dauert es lang und man muss weit “überziehen”. Die macht dann nicht “klack” wie z.B. Petzl ID, sonder eher ein weicheres “Fump”. Nach dem Greifen der Paniksicherung bleibt der Hebel offen stehen. Zum Zurückstellen muss man ihn wie beim Eddy fest zurückdrücken oder durch langsames Drücken mit offenem Hebel weiter abseilen. Hier finden wir das automatische Zurückstellen beim Petzl ID narrensicherer.

Update 20.10.22 nach weiteren Tests: zum Zurückstellen der Paniksicherung reicht auch eine kurze Entlastung des Geräts, etwa kurz in die Fußschlaufe stellen oder an einer Konstruktion/Ast hochziehen. Sogar ein kräftiger Zug am Seil reicht. Der Hebel schnappt dann automatisch in die Ausgangsstellung zurück. Die Paniksicherung greift auch an dünneren Seildurchmessern sehr spät und durch die gute Dosierbarkeit kommen höchstens Anfänger in den Grenzbereich.

Das Megawatt hat einen Panikmodus und Seil kann auch manuell ausgegeben werden

Im Panikmodus bleibt der Hebel offen stehen und muss zurückgedrückt werden. Gut: zum Seilausgeben am Boden kann man per Daumen den Bremsnocken direkt drücken.

Wir haben das Megawatt auch in simulierter Schrägseilsituation ausprobiert, vergleichbar mit dem Abseilen im Steilgelände mit Bodenkontakt. In solchen Situationen greifen bei vielen Geräten die Paniksicherungen zu schnell und nerven. Nicht so beim Megawatt: es spielt seinen enormen Hebelweg aus, und man kann fast genauso gut runter wie bei Geräten ohne Paniksicherung.

A propos runter: wer aus dem Baum kommt und sein Seil für den Ausbau entspannen möchte, der kann den Bremsnocken direkt drücken per Daumen – funktioniert einfach und schnell.

Fazit

Nach unserem ersten Test finden wir das Megawatt ein gelungenes Gerät mit sehr vielen guten, zuweilen einzigartigen Features. Es besticht durch Kompaktheit, Robustheit und gute Bedienung – ein echter Allrounder, der andere Geräte in dieser Preisklasse zuweilen übertrumpft. Für unsere Zwecke würden wir das Megawatt daher dem Petzl ID jederzeit vorziehen. Insbesondere die Bedienung finden wir viel praxiskonformer.

Das herausragende Feature ist tatsächlich der Hebel. Seine Kompaktheit benötigt eine erste Eingewöhnung. Ähnlich wie beim Fahrrad – wer dort von Felgen- auf Hydraulikbremsen mit Dreifingerhebeln umsteigt, merkt was möglich ist.

Auf Dauer hat das Edelrid Megawatt auf jeden Fall Spaßpotenzial. Auch sehen wir keine wirklichen Schwächen. In der 200-Euro-Preisklasse gibt es jetzt also einen ernsthaften Konkurrenten zu den Platzhirschen.

Preis, technische Daten, Verfügbarkeit

  • Das Megawatt wird für 190 Euro in den Handel kommen
  • verfügbar ab etwa Februar 2023
  • für Seile von 8,9 bis 11,8 mm Durchmesser
  • Gewicht 500 Gramm (gemessen)
  • für Benutzergwichte bis 200 kg
  • zertifiziert nach EN 12841, EN 341, EN 15151

Kaufen

Das Edelrid Megawatt findest du zum kaufen hier. Die Vorbestell-Aktion läuft bis Dezember.

3 Kommentare

  1. Sebastian Keil

    Hallo
    und Danke für die Vorstellung, interessantes Gerät!
    Könnt ihr schon dazu sagen, wie sehr oder wenig das Gerät Krangeln provoziert?
    Vielleicht gucke ich schräg, aber mich irritieren die auf den Bildern gezeigten Seilverläufe ein wenig … welcher Seilverlauf beim Abseilen ist “Soll”?
    Auf zwei Bildern (rotes Seil unter “Abseilen” oben rechts und unten links) kollidieren doch Seil und Hebel bzw. der Hebel kann bei dem gezeigten Seilverlauf gar nicht in Nullstellung zurückgeführt werden weil das Seil im Weg ist. Zudem hätte ich angenommen, dass das Seil an der Schmalseite des Geräts (über die Edelstahl-Einlage) rauslaufen sollte (so wie auf dem Bild ganz unten rechts)
    viele Grüße
    Sebastian

    • Robert

      Das Gerät wurde gestern auf unserem Event gut ausprobiert, und tatsächlich wurde auch viel experimentiert mit rechts/links sowie Seilverläufen. Grundsätzlich ist in allen auf den Fotos gezeigten Seilverläufen das Gerät uneingeschränkt nutzbar. Das Gerät ist breit genug, damit ein Seil nicht mit dem Hebel verklemmt. Der rote Seilverlauf auf den Fotos war ein Test mit rückwärtig verlaufendem Seil (kein Problem). Man kann aber auch das Seil vorne herum über die bauchseitige Kante legen, un wer die Bremshand rechts benutzt, führt das Seil über die Oberkante.

      Es gibt noch mehr mögliche Seilverläufe. So erwähnt Edelrid in der Anleitung einen “Expert Mode”, bei dem man einhändig ohne Bremshand Hebel plus Seil führt.

      Zum Krangeln können wir noch nicht viel sagen. Da der Wirkungsgrad aber in der Topklasse liegt, erwarte wir eher wenig/kein Krangeln, abhängig vom Seil.

      • Sebastian Keil

        Hallo Robert,
        besten Dank für die schnelle Antwort und das ausgiebige Testen des Geräts, euer bandbreitiger Blick auf das Teil im Speziellen und allgemein 🙂 ist ungemein wertvoll!
        herzliche Grüße

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